Ageism und Gewalt gegen ältere Menschen: ein blinder Fleck der öffentlichen Politik
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Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hegt weltweit jeder Zweite Vorurteile gegenüber älteren Menschen. In der Schweiz zählt das Alter zu den häufigsten angegebenen Diskriminierungsgründen.
Ageism ist jedoch nicht nur eine Frage des individuellen Verhaltens: Er ist auch in bestimmten institutionellen und politischen Praktiken verankert. Diese oft unsichtbare strukturelle Dimension untergräbt die Rechte älterer Menschen und kann Gewaltsituationen begünstigen. Ageism umfasst Stereotypen, Vorurteile und Diskriminierungen aufgrund des Alters und stellt ein zentrales Thema der öffentlichen Gesundheit und der Menschenrechte dar.
In der Schweiz geben fast drei von zehn Personen an, in den letzten fünf Jahren diskriminiert worden zu sein, wobei das Alter zu den häufigsten Gründen zählt. Im Gesundheitswesen sind mehr als 30 % der über 70-Jährigen der Meinung, aufgrund ihres Alters nicht gerecht behandelt zu werden.
Ageism wird strukturell, wenn er in institutionelle Regeln, Verfahren oder Praktiken integriert ist. Er äussert sich insbesondere in einer Sichtweise des Alterns, die sich eher auf Defizite und Abhängigkeit als auf soziale und bürgerliche Teilhabe konzentriert, was Auswirkungen auf den Zugang zu Beschäftigung, Bildung, Wohnraum oder bestimmten Dienstleistungen hat.
Laut der WHO begünstigen Ageism und Altersdiskriminierung ein Umfeld, das Gewalt und Misshandlung Vorschub leistet. Wenn ältere Menschen als weniger selbstständig oder weniger berechtigt angesehen werden, selbst zu entscheiden, steigt das Risiko von Vernachlässigung, Bevormundung oder ungerechtfertigten Freiheitsbeschränkungen. In der Schweiz schätzt der Bundesrat, dass jährlich 300’000 bis 500’000 Menschen ab 60 Jahren Opfer von Gewalt oder Misshandlung werden.
In diesem Zusammenhang spielt das 2022 gegründete «Nationale Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt» eine zentrale Rolle. Seine Aktivitäten zur Sensibilisierung, Beratung und Weitervermittlung (Hotline Normaltarif: 0848 00 13 13) sowie seine Netzwerkarbeit tragen dazu bei, dass solche Situationen besser erkannt und angemessene Massnahmen ergriffen werden.
Delphine Roulet Schwab, Professorin an der Haute Ecole de la Santé La Source / senior-lab (HES-SO) und Präsidentin des Nationalen Kompetenzzentrums Alter ohne Gewalt