Angehörigenpflege wohin?
Thema: Gesundheit, News
Bis ins hohe Alter zu Hause leben? Das funktioniert nur, wenn viele Bedingungen stimmen. Oft braucht es Unterstützung -neue Lösungen sind gefragt.
Dass viele ältere Menschen am liebsten selbständig bis ins hohe Alter zu Hause leben möchten, ist nachvollziehbar, leider aber nicht immer realistisch. Es funktioniert nur, wenn viele Bedingungen stimmen, wie etwa der Mietzins, das Einkommen, Gesundheitszustand und Fitness oder gute soziale Kontakte. Ebenso oft braucht es die Unterstützung betreuender Angehöriger, etwa als unverzichtbare Ergänzung zur Spitex, da diese nicht den gesamten Betreuungsbedarf abdecken oder eine ständige Anwesenheit zu Hause gewährleisten kann.
In einer neuen Publikation hat das schweizerische Gesundheitsobservatorium Obsan zusammengefasst, was die Bedeutung der Angehörigenpflege in der Schweiz ist. Der Bericht analysiert die aktuelle Situation und beschreibt Entwicklung und Herausforderungen der Betreuung älterer Menschen durch Angehörige. Der Bericht stellt klar, dass die Pflegepolitik künftig vor grosse Herausforderungen gestellt werden wird. Denn die zunehmende Lücke zwischen Bedarf und verfügbaren Angehörigen erfordert neue, generationenübergreifende Lösungen.
Wie viele Betreute sind es?
Der Wunsch, möglichst lange zuhause leben zu können, um eine Heimeinweisung zu vermeiden, ist verbreitet. Das setzt aber in den meisten Fällen voraus, dass Angehörige sogenannte informelle Hilfe in Pflege, Haushalt, Organisation, emotionaler Unterstützung oder Betreuung leisten können. Schätzungen gehen von bis zu 640’000 Personen ab 65 Jahren aus, die mindestens einmal pro Woche Unterstützung erhalten, gut die Hälfte davon seit über sechs Monaten. Die Stundenzahl der pro Woche geleisteten informellen Hilfe ist zwar in den meisten Fällen gering, liegt aber in 23 % der Betreuungsverhältnisse dennoch bei über sieben Stunden, also fast einem Arbeitstag. In 16 % der Fälle ist die Unterstützung intensiver (7 bis 14 Stunden pro Woche), bei 7 % übersteigt sie sogar 14 Stunden pro Woche.
Wie viele Betreuende sind es?
Die meisten älteren Menschen werden durch mehrere Angehörige unterstützt. Schätzungen gehen von rund 1,4 bis 1,7 Millionen Personen aus, die in der Angehörigenbetreuung tätig sind, das heisst etwa 12-14 % der Bevölkerung ab 15 Jahren. Mehrheitlich sind es übrigens Frauen.
Altersstruktur: Über 60 % der regelmässig betreuenden Angehörigen sind zwischen 30 und 64 Jahre alt und gehören damit zur Erwerbsbevölkerung. Mit anderen Worten ist gut die Hälfte der Personen, die regelmässig Angehörige betreuen, erwerbstätig und muss möglicherweise Beruf, Familie und Betreuung miteinander vereinbaren. In den meisten Fällen unterstützt die pflegende Person ihre Eltern oder Schwiegereltern. Rund ein Viertel der Betreuenden ist selber im Rentenalter (65+), also Angehörige der betreuten Generation.
Was wird geleistet?
Die Unterstützung umfasst Begleitung und emotionale Hilfe (in 78 % aller Fälle), Haushaltshilfe (etwa 75 %), oder Hilfe bei administrativen, organisatorischen oder koordinativen Aufgaben (rund 68 %). Etwas weniger häufig wird Kranken- oder Körperpflege geleistet (rund 34 %), die ja schnell einmal eine professionelle Ausbildung voraussetzt und durch die Spitex oder andere Dienste eher gewährleistet werden kann.
Wie entwickelt sich das?
Bis 2040 dürfte die Zahl der Personen, die potenziell Angehörige betreuen könnten, zurückgehen. Diese Annahme ist zunächst demografisch bedingt: Durch die Alterung der Bevölkerung wird sich die Anzahl potenzieller betreuender Angehöriger verringern. Der zweite ausschlaggebende Faktor ist die Haushaltsstruktur. Im Laufe der Zeit sind die Haushalte kleiner geworden, wodurch sich die Zahl der familiären Bindungen und damit auch die mögliche Zahl betreuender Angehöriger verringert hat. Gemäss Szenarien des Bundes zur Entwicklung der privaten Haushalte wird der Anteil der Einpersonenhaushalte von 37 % im Jahr 2025 auf 40 % im Jahr 2055 steigen, wobei insbesondere ältere Menschen betroffen sein werden. Während der Anteil alleinlebender Personen also zunimmt, geht jener der Personen in Haushalten mit mindestens drei Personen zurück. Dadurch sinkt die Zahl der familiären Bindungen. Der dritte Einflussfaktor hängt mit dem gesellschaftlichen Wandel zusammen, der die Beziehungen zwischen den Generationen und den Geschlechtern tiefgreifend verändert hat. Heute schränkt die Wohn- und Arbeitssituation immer öfter die Verfügbarkeit betreuender Angehöriger ein. Gleichzeitig verringert die stärkere Erwerbsbeteiligung die Möglichkeit, sich «am Feierabend» zu verpflichten. Die Vereinbarkeit von Beruf und Angehörigenpflege wird immer schwieriger, so dass betreuende Angehörige weniger Zeit zur Verfügung haben.
Die Zahl potenzieller Betreuender wird also zurückgehen, mutmasslich um rund 20 % bis 2040, während der Bedarf an informeller Pflege dagegen voraussichtlich steigen wird, vor allem durch Zunahme chronischer Erkrankungen und längere Pflegezeiten. Das bedeutet, dass die Belastung der Angehörigen zunehmen wird, was zu Berufsausstieg oder Reduktion der Arbeitszeit führen kann.
Was bedeutet das?
Es besteht also ein wachsender Druck auf formelle Pflegeangebote, da Angehörige weniger verfügbar sind. Einige Kantone fördern ambulante, betreute Wohnformen, Beratungsangebote und finanzielle Unterstützung. Dennoch könnten mehr professionelle Pflege, Heime oder technologische Lösungen (zum Beispiel Telemedizin) notwendig werden. Erweiterung des Unterstützungsnetzwerks durch Nachbarschaft, Freiwillige oder ausländische Pflegekräfte werden diskutiert. Problematisch dabei sind gewinnorientierte Pflegeorganisationen, welche die Unterstützung durch Angehörige kommerzialisieren. Kantonale Strategien sollen die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege verbessern, kulturellen Wandel fördern und Gemeinschaften stärken. Es besteht aber Unsicherheit, ob das alles reicht, insbesondere bei älteren Menschen ohne Angehörige.
Fazit: Die Betreuung durch Angehörige ist essenziell, doch ihre Zahl wird künftig sinken, während der Pflegebedarf steigt. Die Lücke zwischen Bedarf und verfügbaren Angehörigen erfordert innovative, generationenübergreifende Lösungen. Gesellschaftliche, demografische und wirtschaftliche Veränderungen stellen die Pflegepolitik vor grosse Herausforderungen.
Markus Kunz, Redaktionsteam VASOS
Mehr dazu: https://www.obsan.admin.ch/de/publikationen/2026-betreuende-angehoerige