Fürsorge oder Altersdiskriminierung?
Thema: Gesundheit, News
Nationalrätin Marionna Schlatter (Grüne Partei) stellt in ihrem Postulat vom 18.06.2026 die Fahrkompetenz der über 70jährigen infrage.
«Blick» berichtete schweizweit – und hat mit der Veröffentlichung verbreitet Verstimmung und Unverständnis ausgelöst. Der Artikel bezieht sich auf ein Postulat von Nationalrätin Marionna Schlatter, die strengere Regeln für über 70jährige Autofahrerinnen und Autofahrer fordert, so u.a. durch obligatorische Fahrkurse, Praxistests sowie Fahrverbote bei Nacht und auf Autobahnen.
Der Nationalrätin geht es um eine bessere Verkehrssicherheit, sie will, dass der Bundesrat Anreize prüfe für freiwillige Fahrkurse ab einem gewissen Alter, obligatorische Kurse oder Praxistests, stufenweise Einschränkungen (z.B. nur Tagfahrten, kein Autobahnfahren) und das Potenzial von Fahrassistenzsystemen.
Gegen eine ergebnisoffene Prüfung von Vorschlägen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit ist an sich nichts einzuwenden – gegen die Begründung allerdings schon. So behauptet das Postulat pauschal: «Mit zunehmendem Alter nehmen verkehrsmedizinische Einschränkungen wie beispielsweise mangelndes Sehvermögen oder Hirnleistungsstörungen deutlich zu». Nun, mangelndem Sehvermögen lässt sich meist abhelfen; andernfalls würde es ebenso wie Hirnleistungsstörungen schon jetzt bei der obligatorischen Fahreignungsprüfung ab 75 Jahren, die verkehrsrelevante Erkrankungen ausschliessen soll, identifiziert. Deshalb schreibt die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) in ihrer Broschüre «Senioren im Strassenverkehr»: «Seniorinnen und Senioren ab 65 verhalten sich im Schweizer Strassenverkehr grundsätzlich sehr sicher. Sie fahren selten alkoholisiert, sind weniger häufig nachts unterwegs, schnallen sich im Auto praktisch immer an und fahren kaum zu schnell.» Also kein Grund für einen Generalverdacht gegen ältere PW-Lenkende.
Solcher Verdacht findet sich allerdings in der Begründung des Postulats von Nationalrätin Schlatter. Dort heisst es, dass 2025 über 70jährige Fahrzeuglenkende mehr Unfälle als die Jungen zwischen 18 und 24 Jahren verursacht hätten. Abgesehen davon, dass die Altersklasse der über 70jährigen in der Unfallstatistik gar nicht vorkommt, kennen wir gesondert nur die Zahlen für die 18-24jährigen (6 Jahrgänge), für die Kohorte der 65-79jährigen (15 Jahrgänge) und der nicht weiter differenzierten Altersgruppe 80+ (20+ Jahrgänge), wobei die Vergleichsgruppen quantitativ doch sehr ungleich sind. Die Gruppe der 65-79jährigen liegt bei den Unfallzahlen pro 1 Mio. gefahrene Kilometer durch PW-Lenkende klar unter den 18-24jährigen. Allein die Gruppe 80+ schwingt bei dieser Betrachtung obenaus.
Doch was lässt sich sinnvollerweise folgern? Zu Recht stellt Marionna Schlatter fest, dass die obligatorische medizinische Fahrtauglichkeitsprüfung ihre Grenzen habe. Mit ihrer Behauptung, jene erhöhe die Verkehrssicherheit, liegt sie jedoch daneben. Die BFU hat den Nutzen der Schweizer altersbasierten verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchung 2022 evaluiert und festgestellt, dass, verglichen mit Deutschland und Österreich, solche Untersuchungen in der Schweiz keinen Einfluss bezüglich schwerer, von älteren PW-Lenkenden verursachter Unfälle haben. Wenn dem so ist, dann sollte man nicht noch mehr vom Gleichen fordern, sondern konzentriert die Verkehrssicherheit älterer Verkehrsteilnehmenden fördern, ohne ihre Mobilität unnötig einzuschränken. Auch dazu hat die BFU in ihrer Evaluation Vorschläge gemacht.
Die Position der VASOS ist klar: Eine breite Sensibilisierung für individuelle Verkehrsrisiken ist richtig und wichtig, doch einen Generalverdacht gegen Seniorinnen und Senioren lehnen wir entschieden ab. Denn das biologische Alter allein sagt nichts aus über das individuelle Unfallrisiko und eignet sich nicht als Ausschlusskriterium für PW-Lenkende vom Verkehr. Vielmehr müssen alle Verkehrsteilnehmer altersunabhängig ihre individuellen Fähigkeiten richtig einschätzen und gegebenenfalls überprüfen lassen. Das gilt genauso für Auto- wie für Radfahrende. Die Arbeitsgruppe AG Wohnen+Mobilität der VASOS hat sich deshalb in der Vergangenheit mehrfach für freiwillige Angebote, die Fahrkompetenz von Seniorinnen und Senioren überprüfen zu lassen, und für Risikosensibilisierung ausgesprochen.
Ursula Zeller, Redaktionsteam VASOS
Weitere Information unter:
26.3804 | Verkehrssicherheit älterer Fahrzeuglenkender erhöhen | Geschäft | Das Schweizer Parlament
Senioren im Strassenverkehr: Unfälle und Prävention | BFU
Von Personenwagen-Lenkenden verursachte Unfälle pro 1 Million gefahrene Kilometer – 2025 | Diagramm
10.13100/BFU.2.468.01.2022 | BFU (nur auf Deutsch)