Geriatrie und Gerontologie: ein unerlässliches (aber nicht ausreichendes) Zusammenspannen für ein gesundes Altern
Thema: Gesundheit, News
Koordination und Vertretung eines bedeutenden Teils der Bevölkerung
Delegierter der FAAG-Fondation pour la Formation des Aînées et des Aînés de Genève bei der VASOS habe ich als Vorstandsmitglied von GERONTOLOGIE CH das Privileg am nächsten 4. Juni den Jahreskongress der Schweizerischen Fachgesellschaft für Geriatrie (SFGG) mit obigem Einführungsvotum zu begrüssen.
Ziel der Veranstaltung: gemeinsam mit Spezialist:innen der Geriatrie, über komplexe und typische Aspekte der interdisziplinären Zusammenarbeit zu diskutieren. Folglich offen für Teilnahme von in der medizinisch-psychosozialen Betreuung älterer Menschen und Patienten involvierten Fachkräften aller Hintergründe. Mehr dazu (Einladung, Programm, Teilnahmeformular, mein Eröffnungsvotum mit Fussnoten): https://advisis.ch/events/Kongress_SFGG_SPSG_2026
Die Schweizerische Gesellschaft für Gerontologie (heute GERONTOLOGIE CH) als Schwestergesellschaft der SFGG wurde vor mehr als siebzig Jahren vom Basler Geriater Adolf Lukas Vischer gegründet. In seinem 1956 in der Zeitschrift für Präventivmedizin erschienenen Artikel mit dem Titel “Eine neue Wissenschaft, die Gerontologie” präzisierte dieser Pionier die Einsicht: «Das Ergehen und Befinden der alten Menschen hängt nicht nur von ihrer körperlichen und seelischen Verfassung ab, sondern auch weitgehend von ihrer Umgebung, von ihren Wohnverhältnissen, von ihren mitmenschlichen Beziehungen und ihrer Stellung in der Gesellschaft».
Etwas salopp ausgedrückt zielt die Gerontologie darauf ab, einen «aufgeklärten Gegendiskurs über das Altern» zu entwickeln und zu verbreiten.
Ja, ein, gut informiertes, alternatives Narrativ, auf Analyse der Realitäten abgestützt, wie sie heute hierzulande von älteren Menschen in der Vielfalt ihrer Situationen und Lebensphasen erlebt werden, sind von grösster Bedeutung.
Allzu oft wird das Altern noch immer ausschliesslich unter dem Blickwinkel von Verlusten und Defiziten betrachtet – eine altersdiskriminierende Sichtweise, die es zu überwinden gilt: Denn die meisten älteren Menschen von heute (und mit 76 Jahren gehöre ich dazu) sind keine Last, sondern eine Ressource! Sie verfügen über Kompetenzen und Fähigkeiten, die es zu entwickeln und zu fördern gilt.
Ihre Kompetenzen und Fähigkeiten sind unerlässlich, um gesund zu altern, aber auch um mit Krankheit zu leben und dabei eine gute Lebensqualität zu bewahren.
Denken wir an eine gesunde Lebensweise, an Prävention und Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, die Einnahme von Medikamenten, die Fähigkeit, chronische Erkrankungen wie Diabetes zu bewältigen… Die (durchaus wichtige) Rolle des Arztes ist dabei nur subsidiär.
Eine Allianz zwischen Geriatrie, Gerontologie und alternden Menschen (und nicht erst dann, wenn sie zu Patient:innen werden) ist daher unerlässlich.
Wenn unsere Gesellschaft (einschliesslich der älteren Menschen selbst!) weiterhin an einer vorwiegend defizitorientierten Sichtweise des Alter(n)s festhält und darauf verzichtet, die Ressourcen älterer Menschen zu nutzen, wählt sie den Holzweg.
Das Schwerwiegendste an der vorherrschenden Altersdiskriminierung ist dabei der selbstbezogene Ageismus der Alternden. Statt auf Bewältigung ihrer gesundheitlichen Probleme sowie der Herausforderungen des Alltags zu setzen, laufen sie allzu oft Gefahr, zu resignieren, sich als “kaputt” zu betrachten, sich also gehen zu lassen. Eine solches Eigenbild führt dazu, die Verantwortung für sich selbst nicht mehr übernehmen zu wollen, sich nicht mehr selbst zu managen, und somit für seine Angehörigen, die Gesellschaft und sich selbst eher zu einer Belastung als zu einer Ressource zu werden.
Dies beeinträchtigt nicht nur ihre Lebensqualität, sondern verursacht auch erhebliche Kosten für die Gesellschaft: In den USA schätzt man, dass negative Altersbilder und altersbedingte Diskriminierung Gesundheitskosten in der Höhe von 63 Milliarden Dollar pro Jahr verursachen.
Es überrascht daher nicht, dass die beiden ersten Handlungsfelder der von der UNO und der WHO ins Leben gerufenen (in der Schweiz weitgehend unbekannten, ja gar ignorierten) Dekade des gesunden Alterns 2021–2030 genau Folgendes fordern:
- Veränderung der Denk-, Sicht- und Handlungsweisen in Bezug auf Alter und Altern.
- Entwicklung von Gemeinschaften, welche das Leistungsvermögen älterer Menschen fördern.
Die Handlungsfelder, die wir in der Schweiz bereits umsetzen, folgen erst danach:
- Bereitstellen von altersgerechten, integrierten und personenzentrierten Angeboten und Leistungen der primären Gesundheitsversorgung.
- Schaffen von Angeboten der Langzeitpflege für hilfsbedürftige ältere Menschen.
Die KI-Übersicht von Google (Übersetzung der französischen Antwort) präzisiert dazu: “Das Leistungsvermögen älterer Menschen hängt von einem komplexen Gleichgewicht zwischen ihrem körperlichen und kognitiven Gesundheitszustand, ihrem sozialen und physischen Umfeld sowie ihrer Lebensgeschichte ab.
Der natürliche Alterungsprozess (Kraftverlust, sensorischer Abbau) und chronische Erkrankungen spielen eine wichtige Rolle, doch körperliche Aktivität, soziale Einbindung und eine angepasste Wohnumgebung sind entscheidend, um ihre Selbstständigkeit und Selbstbestimmung zu erhalten.“
Für uns Geriater, Gerontologen, für uns älter werdende Menschen – also für unsere gesamte Gesellschaft – besteht also noch ein enormer Handlungsbedarf.
Es gilt, sich zu einer Allianz zusammenzuschliessen!
Hans Peter Graf, Delegierter der FAAG-Fondation pour la Formation des Aînées et des Aînés de Genève bei der VASOS