Keine Mauer zwischen die Generationen bauen
Thema: Generationendialog, News
«Überalterung» - altersfeindliches Unwort
Nach der deutlichen Annahme der 13.-AHV-Rente und im Rahmen des Streits um deren Finanzierung werden wir mit Artikeln geflutet, die die «Überalterung» dämonisieren. Dieses Unwort wird wie «Überfremdung» als politischer Kampfbegriff eingesetzt.
Eine kleine Auswahl von Titelsetzungen: «Was graue Mehrheiten für unsere Demokratie bedeuten. – Altersgraben in der Schweiz: Die Überalterung der Schweiz schreitet zügig voran.» (TA 13.10.25); «Die Dominanz der Alten», (MAGAZIN 4/25); «Stimmzwang gegen die Übermacht der Alten?» (Der Bund, 24.10.25)
«Überalterung» ist Ausdruck von Altersfeindlichkeit»
Das «Generationenbarometer» sieht zwar gewisse Tendenzen, aber keinen tiefen Graben zwischen den Generationen. Auch die relevanten soziologischen Forschungen zur Generationenfrage verneinen eine Kluft der Generationen, weil Generationen zu divers, zu wenig homogen sind und weil wir soziale Probleme nicht demografisieren sollten, wie es die Soziologin Silke van Dyk formuliert. «Die Alterung ist ein empirischer Fakt, der Topos der «Überalterung» aber Ausdruck von Altersfeindlichkeit. Es unterstellt, dass es eine «richtige» Alterszusammensetzung gäbe und dass Alterung eine normativ problematische Abweichung sei. Zudem wird mit der Problematisierung ein Verteilungskonflikt aufgemacht, aber nicht zwischen Klassen, zwischen oben und unten, sondern zwischen Jung und Alt.» (Philosophie-Magazin, 28.7.23)
Die AHV und das freiwillige Engagement der Älteren sind sozialer Generationenkitt
Wenn immer eine grössere sozialpolitische Kontroverse ansteht, häufen sich die altersfeindlich geprägten Artikel mit dem Ziel, den historisch in harten Auseinandersetzungen entwickelten Sozialstaat nicht weiter auszubauen oder ihn gar zu schwächen. Mit einem einzigen Klick https://www.geschichtedersozialensicherheit.ch/home können sich alle Akteur*innen, die sich zu diesem für die Schweiz identitätsstiftenden Thema äussern, kundig machen: Der Sozialstaat und insbesondere die AHV ist DER Generationenkitt schlechthin. Und sie muss noch weiter ausgebaut werden, weil die Armutsrate im Rentenalter sich mit dem 3-Säulen-Modell von 1982 bis 2023 sogar von 15 auf 16 Prozent erhöht hat, wie der Altersforscher François Höpflinger festhält. Und der von Höpflinger errechnete Marktwert der Freiwilligenarbeit von Pensionierten beläuft sich auf schätzungsweise 5 bis 6 Mrd. Franken jährlich und zusätzlichen 6 bis 7 Mrd. Franken für die Enkelkinderbetreuung. (seniorweb 31.10.25) Die älteren Menschen sind wohl die grösste Kita in der Schweiz.
Der altersfeindliche Kampfbegriff «Überalterung» ist als diskriminierendes Unwort zu ächten und die «Alterung» – die (nicht für alle gleich) gestiegene Lebenserwartung – als zivilisatorische Errungenschaft anzuerkennen. Statt Mauern zwischen den Generationen hochziehen: die AHV weiter sozial finanzieren und kluge Vorschläge zu den bundesrätlichen Leitlinien zur Reform AHV2030 kreieren.
Peter Sigerist, a.SGB-Zentralsekretär