Rückblick auf die Tagung des Entlastungsdienstes Schweiz vom 30. Oktober 2025
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Betreuende Angehörige leisten wichtige Arbeit. Rund 600’000 Menschen in der Schweiz leisten tagtäglich Betreuungs- und Pflegearbeit für Angehörige. Insgesamt kommen so über 126 Millionen Stunden unbezahlte Arbeit pro Jahr zusammen.
Der Tag für betreuende Angehörige vom 30. Oktober 2025 rückte dieses Engagement ins Zentrum und machte sichtbar, was sonst oft verborgen bleibt. Am 30. Oktober 2025 führte der Entlastungsdienst Schweiz mit dem Büro für Feminismus im Zentrum Paul Klee in Bern eine Tagung unter dem Titel: «Sorge tragen: Betreuung als Wirtschaftsfaktor – Zeit für politische Lösungen» durch. An der sehr gut besuchten Tagung kamen Angehörige, Fachpersonen, Politiker:innen und Interessierte zu Wort.
Nach der Begrüssung durch die Moderatorin Sara Satir, die dazu aufrief, dass die Care-Arbeit, die «Sorgearbeit» die Anerkennung erhalten sollte, die ihr zusteht, richtete Ursula Anderegg, Direktorin für Bildung Soziales und Sport der Stadt Bern ein Grusswort an die Anwesenden. In diesem betonte sie unter anderem, dass die Care-Arbeit eine breitere Öffentlichkeit gewonnen hat und, dass Care-Arbeit hauptsächlich von Frauen geleistet wird.
Denise Strub, Präsidentin Entlastungsdienst Schweiz stellte danach die Frage: «Warum braucht es politische Lösungen und warum ist der Zugang zu Entlastungsangeboten immer noch schwierig und schamhaft?»
Danach erzählte Marah Rikli, Autorin und queere feministische Mutter eindrucksvoll eine Geschichte über gelebte Solidarität zu «Was wäre, wenn alles gut wäre?».
Anja Peter vom Büro für Feminismus sprach anschliessend über die ökonomische und gesellschaftliche Bedeutung der Angehörigenarbeit und, dass wie oft behauptet Liebe und Ökonomie kein Widerspruch ist. Liebe ist ein wichtiger Bestandteil der «Sorgearbeit».
Heidi Kaspar vom Zentrum für partizipative Gesundheitsforschung der Berner Fachhochschule stellte die «Caring Communities» vor, welches sie wie folgt definierte:
«Unter einer «Caring Community» verstehen wir eine Gemeinschaft in einem Quartier, einer Gemeinde oder einer Region, in der Menschen füreinander sorgen und sich gegenseitig unterstützen». (Beispiele unter www.caringcommunities.ch.
Unter dem Motto «Betreuende Angehörige – was tut der Bund» erwähnte Flavia Wasserfallen, Ständerätin des Kantons Bern die Betreuungsgutschriften in der AHV, welche existieren, aber beantragt werden müssen. Sie verwies zudem auf den am 15. Oktober 2025 Bericht des Bundes zur «Entschädigung pflegender Angehöriger – der Bundesrat will die Qualität und Wirtschaftlichkeit der Leistungen sicherstellen» (Bericht unter: www.edi.admin.ch). Flavia Wasserfallen sprach die Möglichkeit an, sich als Angehörige über eine Organisation wie die Spitex für Grundpflegeleistungen anstellen zu lassen. Eine Möglichkeit, die enorm wichtig ist. Leider drängen sich mehr und mehr private Anbieter in diesen Markt und erwirtschaften auf Kosten der pflegenden Angehörigen und der Allgemeinheit grosse Gewinne. Eine Fehlentwicklung, die korrigiert werden muss. Die zuständige Ständeratskommission entscheidet im November über allfällige Korrektur- und Verbesserungsvorschläge.
Adrian Wüthrich, Präsident der Interessengemeinschaft Angehörigenbetreuung (IGAB), stellte sich im Interview mit der Moderatorin zu Fragen bezüglich der Anstellung von pflegenden Angehörigen. Er hält fest, dass heute relativ wenig pflegende Angehörige angestellt sind. Zum Bericht des Bundesrates sagt er: «Der Bericht bringt Licht in eine wachsende, florierende Praxis, bleibt jedoch unvollständig». Der Bericht beleuchtet eine neue und scheinbar lukrative Praxis bezüglich der Anstellung von pflegenden Angehörigen durch private, gewinnorientierte Anbieter. Wie seine Vorrednerin, betrachtet auch er diese Entwicklung mit Sorgen. Im Namen der IGAB fordert Adrian Wüthrich eine nationale Strategie für die Angehörigenbetreuung, um ein einheitliches Rahmenwerk für diese neue Versorgungsmodelle zu schaffen.
Als letzter Referent des Tages stellte Roberto Mora, Direktor «Associazione Bellinzonese per l’Assistenza e cura a Domicilio» ein viel versprechendes, Modell zur häuslichen Pflege vor, welches zum Ziel hat Menschen jedes Alters, die in der Region Bellinzona leben und mit Krankheit, Unfall, Behinderung, Mutterschaft, Alter oder sozialen und familiären Schwierigkeiten konfrontiert sind, den Verbleib in ihrem Zuhause zu ermöglichen, in dem ihnen die erforderlichen individuellen Leistungen angeboten werden. Das Modell soll 2026/2027 auf alle Regionen des Kantons Tessin ausgeweitet werden (Informationen: www.abad.ch).
Nach den vielseitigen Referaten diskutierten die Teilnehmenden in einem anschliessenden Workshop engagiert über zentrale Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze. Dabei entstanden wertvolle Impulse für die künftige Unterstützung und Sichtbarkeit betreuender Angehöriger.
Verena Loembe, Vorstand VASOS