Schock von Sedrun
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Prüfen wir beim Autofahren im Alter am falschen Ort?
Der tragische Unfall hat die Schweiz nicht nur erschüttert, sondern auch verunsichert.
Viele fragen sich seither: War das ein tragischer Einzelfall – oder ein Hinweis auf ein grösseres Problem? Reicht das heutige System zur Beurteilung der Fahrtauglichkeit im Alter noch aus?
Der Unfall in Sedrun erschüttert und macht betroffen. Ein 87-jähriger Autofahrer fuhr in eine Skilagergruppe – mutmasslich, weil er Gas und Bremse verwechselte. Die Betroffenheit ist gross, weit über die Region hinaus. Und mit ihr die Frage: Wie sicher ist Autofahren im Alter wirklich?
Ein Blick auf die Einschätzungen von BFU und Bundesamt für Statistik zeigt: Die Realität ist komplexer, als es dieses tragische Ereignis vermuten lässt.
Das BFU betont, dass ältere Autofahrende keine generelle Gefahr für andere darstellen. Viele fahren vorsichtiger, meiden Risiken und verhalten sich defensiv. Gleichzeitig nehmen altersbedingte Einschränkungen zu – etwa bei Reaktion, Wahrnehmung oder Entscheidungsfähigkeit. Gerade in unerwarteten Situationen können diese zum Problem werden.
Die Statistik ergänzt dieses Bild: Seniorinnen und Senioren sind insgesamt seltener in Unfälle verwickelt, fahren aber auch weniger. Pro Kilometer steigt ihr Risiko – besonders ab etwa 80 Jahren. Auffällig ist zudem, dass sie bei Unfällen häufiger die Hauptverursacher sind. Allerdings nicht wegen Raserei oder Alkohol, sondern eher wegen Fehlentscheiden im Verkehr.
Was bedeutet das für die aktuelle Debatte?
Einfache Antworten greifen zu kurz. Weder sind ältere Menschen per se gefährliche Fahrer, noch lassen sich steigende Risiken im hohen Alter ignorieren. Die Schweiz setzt bisher auf regelmässige medizinische Kontrollen ab 75 Jahren sowie auf Eigenverantwortung. Das BFU empfiehlt zusätzlich freiwillige Fahrchecks.
Die zentrale Frage bleibt: Prüft die Schweiz heute wirklich das Richtige?
Die medizinischen Untersuchungen ab 75 Jahren sind zweifellos sinnvoll – sie stellen sicher, dass grundlegende gesundheitliche Voraussetzungen wie Sehvermögen oder kognitive Leistungsfähigkeit vorhanden sind und jemand grundsätzlich fahrtauglich ist. Aber sie zeigen kaum, wie sich jemand tatsächlich im Verkehr verhält, wie schnell reagiert wird und wie sicher jemand mit komplexen Situationen umgeht. Fachleute kritisieren deshalb seit Längerem, dass diese Tests vor allem die Fahreignung, nicht die Fahrkompetenz erfassen.
Freiwillige Fahrchecks, wie sie vom BFU empfohlen werden, setzen genau hier an. Sie verlagern die Beurteilung auf die Strasse, dorthin, wo sich Unsicherheiten wirklich zeigen. Gleichzeitig ermöglichen sie konkrete Rückmeldungen und Verbesserungen. Dennoch werden sie zu selten genutzt – während verpflichtende Fahrtests politisch umstritten bleiben.
Der Unfall von Sedrun könnte diese Diskussion neu entfachen. Denn er zeigt, wie gravierend einzelne Fehlreaktionen sein können – selbst bei Menschen, die offiziell als fahrtauglich gelten.
Vielleicht ist es Zeit für einen Perspektivenwechsel: weg von der reinen Gesundheitsprüfung – hin zu einer realitätsnahen Beurteilung der Fahrpraxis. Denn am Ende geht es nicht nur darum, ob jemand fahren darf. Sondern darum, wie sicher er oder sie es tatsächlich tut – zum Schutz für sich und für alle im Strassenverkehr.
Bea Heim, Präsidentin VASOS