Studie zur Altersdiskriminierung in der EU
Thema: Generationendialog, News, Sozialpolitik
Ein besorgniserregender Bericht!
Die derzeit laufende Unterschriftenaktion der VASOS gegen Altersdiskriminierung in der Schweiz und der im Folgenden zusammengefasste aktuelle Bericht von AGE Platform Europe kommen zu derselben Feststellung: Altersdiskriminierung erfordert entschlossene und koordinierte politische und rechtliche Massnahmen.
Dieser Bericht, der gemeinsam mit AGE Platform Europe verfasst wurde und sich an die Europäische Kommission richtet, untersucht die verschiedenen Formen der Altersdiskriminierung und deren Auswirkungen in zentralen Lebensbereichen (Beschäftigung, Gesundheit, Wohnen, Bildung, Digitalisierung und politische Teilhabe). Ebenfalls bewertet wurden die bestehenden nationalen rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, die Rolle der Gleichstellungsakteure und zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie die Wirksamkeit der bestehenden Schutzmaßnahmen. Besonderes Augenmerk wurde auf die Mängel der derzeitigen Maßnahmen sowie auf die Formulierung von Empfehlungen gelegt, um eine inklusivere und gerechtere Behandlung der Menschen zu gewährleisten. Die auf einer gemischten Methodik basierende Studie kombinierte Literaturrecherche, Umfragen, Interviews und quantitative Analysen bestehender Datenbanken.
Er hebt hervor, dass altersbedingte Diskriminierung und Altersdiskriminierung strukturelle und hartnäckige Phänomene innerhalb der EU darstellen, von denen Menschen in allen Lebensphasen betroffen sind. Entgegen einer nach wie vor weit verbreiteten Auffassung betrifft sie nicht nur ältere Menschen: Laut dem aktuellen Eurobarometer 2023 gehören junge Erwachsene im Alter von 15 bis 24 Jahren und hochbetagte Menschen ab 75 Jahren zu den am stärksten gefährdeten Gruppen (8,4 % bzw. 10,7 %).
Der Arbeitsmarkt scheint am stärksten betroffen zu sein. Mehr als die Hälfte der Europäerinnen und Europäer ist der Ansicht, dass das Alter bei der Einstellung einen Nachteil darstellt, womit es vor Behinderung oder ethnischer Herkunft der häufigste wahrgenommene Diskriminierungsfaktor ist. Altersdiskriminierung ist auch im Gesundheitswesen weit verbreitet, insbesondere bei Menschen ab 75 Jahren, die häufiger von impliziten Behandlungsverweigerungen, Zugangsbeschränkungen oder einer Bagatellisierung ihrer Symptome berichten. Die Erkenntnisse in Bezug auf soziale Sicherheit, Wohnen und Bildung sind uneinheitlicher: Junge Menschen berichten häufiger von Diskriminierung beim Zugang zu sozialen Dienstleistungen und Wohnraum, während quantitative Daten zeigen, dass ältere Menschen in bestimmten institutionellen Kontexten stärker davon betroffen sind.
Die Studie identifiziert drei eng miteinander verbundene Arten von Hindernissen, die die Gleichstellung zwischen den Generationen beeinträchtigen. Institutionelle Hindernisse sind in Gesetzen, der öffentlichen Politik und der Verwaltungspraxis verankert: altersabhängige Anspruchsvoraussetzungen, Zwangsversetzung in den Ruhestand, Lücken bei der Durchsetzung bestehender Gesetze oder ein Mangel an geeigneten Dienstleistungen. Zwischenmenschliche Hindernisse zeigen sich in Form von Stereotypen und altersdiskriminierendem Verhalten in der Arbeitswelt, im Gesundheitswesen, im Bildungswesen oder in den Medien. Schließlich spiegeln verinnerlichte Hindernisse die Selbstzensur und den Vertrauensverlust von Menschen wider, die aufgrund wiederholter negativer Erfahrungen ihre Ziele zurückschrauben, darauf verzichten, ihre Rechte geltend zu machen, oder bestimmte Schritte vermeiden, insbesondere in den Bereichen Beschäftigung und Gesundheit.
Die Auswirkungen von Altersdiskriminierung sind sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene erheblich. Auf dem Arbeitsmarkt ist die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, bei diskriminierten Personen deutlich höher. Dem Bericht zufolge könnte eine deutliche Verringerung der Altersdiskriminierung fast einer Million weiterer Menschen den Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen und der EU einen geschätzten Gewinn von 47 Milliarden Euro beim Bruttoinlandsprodukt einbringen. Im Gesundheitsbereich geht Diskriminierung mit einer Verschlechterung des subjektiv empfundenen Gesundheitszustands, einer erhöhten Prävalenz chronischer Erkrankungen und einem häufigeren Verzicht auf medizinische Versorgung einher. Sie trägt zudem zu sozialer Isolation, Einsamkeit, einer geringeren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und einem schwindenden Vertrauen in die Institutionen sowie zwischen den Bürgerinnen und Bürgern bei.
Der Bericht hebt die entscheidende, aber noch immer unzureichend anerkannte und unterstützte Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen im Kampf gegen Altersdiskriminierung hervor. Diese sind je nach Altersgruppe in sich ergänzenden Bereichen tätig, teilen jedoch gemeinsame Anliegen in Bezug auf psychische Gesundheit, soziale Inklusion und bürgerschaftliches Engagement. Ihre Arbeit wird jedoch durch einen Mangel an Finanzmitteln, an verlässlichen Daten und durch eine begrenzte institutionelle Zusammenarbeit behindert.
Schließlich zeigt eine vergleichende Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen und der nationalen Strategien, dass der Schutz nach wie vor weitgehend auf die Beschäftigung ausgerichtet ist und in anderen Lebensbereichen erhebliche Lücken aufweist. Nur wenige Strategien befassen sich ausdrücklich mit Altersdiskriminierung oder Ageism, und die Mechanismen zur Überwachung, Bewertung und Datenerhebung sind nach wie vor fragmentiert. Der Bericht fordert daher einen kohärenteren und auf Rechten basierenden europäischen Ansatz, der die Gleichstellung der Generationen bereichsübergreifend berücksichtigt, die Durchsetzung des geltenden Rechts stärkt, die verfügbaren Daten verbessert und inklusive sowie generationsübergreifend politische Maßnahmen aktiv unterstützt.
Eliane Rey, UREV/VASOS-Delegierte im SSR, SSR-Delegierte im Komitee AGE Platform Europe