Weihnachten…
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…Bischof Dr. Joseph Maria Bonnemain im Gespräch.
Weihnachtsinterview mit Dr. Joseph Maria Bonnemain, Diözesanbischof von Chur
Thomas Grünwald (TG): Sehr früh, bereits Ende November leuchten in den Ortschaften Lichterketten und hell erleuchtete Weihnachtslandschaften mit Christbäumen und Dekorationen. Weihnachten entwickelt sich immer mehr zum weltlichen Geschäft. Der religiöse Aspekt ist für Viele in den Hintergrund getreten. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung, Herr Bischof?
Bischof Bonnemain: Diese Entwicklung ist eine Einladung, ein Auftrag und eine Herausforderung für uns Christen. Und zwar in diesem Sinne: Wir sollten als Christinnen und Christen zeigen, dass Weihnachten täglich geschieht. Wenn wir diese Botschaft mitten in unserer Gesellschaft ausstrahlen würden, dass die Nähe Gottes uns stets begleitet, dann würde Weihnachten wieder aktuell, nicht nur am 25. Dezember, sondern an jedem Tag des Jahres. Weihnachten bedeutet, dass dies ein Geheimnis ist und dass uns Gott nahe sein wollte. Er ist Einer von uns Menschen geworden und wir sollten als Christinnen und Christen zeigen, dass wir Menschen sind, welche diese Nähe leben, spüren und deshalb Zuversicht besitzen und ausstrahlen. Wenn wir Christinnen und Christen wahrnehmen würden, dass wir den Auftrag erhalten haben, jeden Tag in Weihnachten zu verwandeln, dann ist dieses Problem gelöst.
TG: Aber eben dieses Weihnachtsgeschäft mit dieser gewaltigen Betriebsamkeit und dem Gestürm, was bedeutet das?
Bischof Bonnemain: Ja, das ist wie ein riesiger Körper ohne Seele. Man hat die Seele des Ganzen vergessen. Man beachtet oder entdeckt diese Seele nicht mehr. Aber warum? Weil wir die Verbundenheit mit dieser Seele erleben sollten, und irgendwie nicht mehr erleben können. In diesem Sinne ist es ein Auftrag und eine Verantwortung, die wir als Christinnen und Christen tragen.
TG: Denken Sie, dass der religiöse Aspekt bei vielen Menschen wirklich in den Hintergrund geraten ist, oder schlummert er weiter in uns?
Bischof Bonnemain: Er ist in den Hintergrund oder in die Tiefe geraten, ganz tief in unserem Inneren, tief verborgen und man müsste da wie einen Wecker einstellen, um den religiösen Aspekt wachzurütteln.
TG: Dann sollte man also an Weihnachten gleichsam einen Wecker einstellen, um auf den eigentlichen Hintergrund des Weihnachtsfests aufmerksam zu machen?
Bischof Bonnemain: Ich weiss nicht, vielleicht bleibt der eigentliche Sinn des Weihnachtsfests verdeckt, es bleibt häufig vieles nur an der Oberfläche. Deswegen brauchen wir Bilder, Katalysatoren, Abenteuergeist, um diesen Schatz zu suchen. Und so befinden wir uns auf der Suche nach dem eigentlichen Schatz.
TG: Ich habe kürzlich einen Film gesehen mit dem Titel: Wo ist Gott? Wo und wie können wir Menschen im Alltag Gott begegnen?
Bischof Bonnemain: Meine Antwort ist: Gott ist überall. Also ein Gott, der nicht überall sein würde, ist lächerlich. Die Antwort ist, ein Gott, der nicht präsent ist und existiert und nicht überall wirkt, ist ein Pseudogott. Der Gott ist der Gott, der allem einen Sinn gibt und alles trägt.
TG: Die Menschen fragen sich immer wieder, was liegt unserer sichtbaren Existenz zugrunde und bewirkt das alles, was in der inneren und äusseren Natur liegt.
Bischof Bonnemain: Die Frage des Woher und des Sinns der Existenz. Die richtige Frage ist nicht, wo ist Gott, sondern wo sind wir. Am Anfang der Bibel steht, dass Gott Adam suchte und Gott fragte Adam, wo bist du? Ich glaube, diese Frage bleibt aktuell. Wir haben es mit einem Gott zu tun, der den Menschen sucht, weil er diesen Menschen liebt. Und er wird immer wieder fragen, wo hast du dich versteckt Mensch? Die Frage ist nicht, wo ist Gott, sondern wo ist der Mensch.
TG: Was sagen Sie einem Menschen, der behauptet, es gibt keinen Gott.
Bischof Bonnemain: Diese Behauptung ist im Grunde Ausdruck einer tiefgründigen Suche. Wenn Gott wirklich Gott ist, ist es für den Menschen beinahe unmöglich, ihn einfach so leicht zu erkennen. Gott ist viel grösser, als wir Menschen uns das vorstellen können. Denn alles, was menschlich ist, ist begrenzt. Wir erahnen vielleicht die Gegenwart Gottes, aber wir sind Suchende bis zum Schluss. Und die Menschen, die sich fragen, gibt es diesen Gott und wo ist dieser Gott, sind auf einer Suche, und das bedeutet schon Glaube. Das ist nicht Indifferenz, sondern diese Suche schlummert tief in uns.
TG: Was für eine Bedeutung nimmt das neugeborene Kind Jesus heute in unserer säkularisierten Zeit ein?
Bischof Bonnemain: Natürlich wirkt das auf viele Menschen schön und bewegt die Gemüter: So ein Baby, zärtlich und hübsch. Aber wenn wir im Grunde die Realität von Jesu Geburt betrachten, – er ist in einem Stall, in einer Futterkrippe geboren, weil die Menschen ihm keinen Zugang gegeben haben, arm, in der Kälte, in prekären Verhältnissen und zugleich verfolgt von König Herodes. Es ist noch einmal etwas, was uns zutiefst berührt, weil Gott derart das Dasein und die Ohnmacht eines Menschen gewählt hat. Es ist für uns unbegreiflich, dass Gott, der alles hat und besitzt, das Prekäre, das Armselige und Gebrechliche gewählt hat, um so zu uns zu kommen. Das muss uns ja tief bewegen, das ist eine Liebeserklärung. Der Apostel Johannes schreibt am Anfang seines Evangeliums: «Und das Wort ist Fleisch geworden». Und ich würde meinen: «Die Liebe ist Fleisch geworden», das heisst sie ist lebendiger Mensch, da bei uns. Unfassbare Liebe ist fassbar geworden. Ein Gott, der wagt, Armut, Kälte, Begrenztheit und Leiden auf sich zu nehmen und all dies zu erleben, was auch wir als Mensch gelegentlich durchmachen. Das ist wirklich eine Liebeserklärung.
Zur Person von Bischof Joseph Maria Bonnemain:
Geboren in Barcelona, als Sohn einer Katelanin und eines Schweizer Vaters aus Pommerats JU. Grundschule und Gymnasium in Barcelona. Dr. med., Dr. iur. can., geboren am 26. Juli 1948, zum Priester geweiht am 15. August 1978.
Zum Bischof von Chur ernannt am 15. Februar 2021. Zum Bischof von Chur geweiht am 19. März 2021. Vizepräsident der Schweizer Bischofskonferenz seit 1. Januar 2025. Er war Mitglied der Delegation des Heiligen Stuhls in der WHO in Genf sowie Spitalseelsorger in Schlieren. Bis zur Bischofsweihe leitete er das kirchliche Gericht des Bistums. 2002 wurde er zum Sekretär des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe in der Pastoral» der Schweizer Bischofskonferenz ernannt. Aktuell ist er Mitglied des Gremiums, das heute den Namen «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» trägt.
TG: Welche Möglichkeiten bietet das Weihnachtsfest den Menschen, den Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und den Älteren im Leben unserer Zeit?
Bischof Bonnemain: Ich denke, dass die Weihnachtsbotschaft für alle, für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und auch für betagte Menschen da ist. Wenn wir den Erzählungen in der Bibel folgen, beobachten wir, dass Maria und Josef das Kind Jesus in den Tempel führten, wo es von Simeon und einem Kreis von Erwachsenen empfangen und in die Arme genommen wurde. Und auch eine Greisin, die das Kommen des künftigen Messias erahnte und es überall erzählte, fühlte sich davon erfüllt, weil für sie nun der Messias in lebendiger sichtbarer Form dastand. Im Grund bedeutet dies für betagte Menschen, dass vieles, was wir als Ende des bisherigen Lebens empfinden würden, eigentlich als ein Teil der Vollendung betrachtet werden kann; nicht Ende, sondern Vollendung. Im Sinne von Zuversicht und Hoffnung, weil ja auch mit dem Alter noch nicht alles zu Ende ist. Jetzt ist die Fülle von all dem vorhanden, was wir in unserem Herzen immer ersehnt haben. Es ist eine unglaubliche Botschaft.
TG: Was möchte die heutige Kirche unternehmen, um besser auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen? In der Erfahrung ist Kirche für etliche Leute eine Institution geworden, die vieles verbietet und ständig Vorschriften erhebt. Viele fühlen sich bevormundet und eingeengt. Was plant die Kirche, um nicht noch mehr Mitglieder zu verlieren?
Bischof Bonnemain: Ja, manche Menschen haben das Gefühl, ich muss mich distanzieren. Ja, das ist eine riesige Herausforderung für die Kirche. Was ich am Anfang gesagt habe, diese Distanzierung ist eine Einladung, ein Auftrag an die Kirche, sich zu verändern. Dies im Sinne, dass der Glaube nicht eine Sammlung von Geboten, Verboten, Gesetzen und Vorschriften ist. Sondern es geht in erster Linie um eine Beziehung, eine Gottes-Beziehung, und um eine Menschen-Beziehung. Die Kirche sollte so weit sein, dass sie glaubwürdig und bescheiden auftritt und die Nähe Gottes vermittelt. Glaube heisst, eine Liebesbeziehung zu Gott zu vermitteln. Und das hat die Kirche – d.h. wir Gläubige als Kirche – häufig verpasst. Wir haben über lange Zeit vielmehr Vorschriften verkündet, statt einen Gott zu verkünden, der eine Liebesbeziehung zu uns Menschen sucht.
Herr Bischof Bonnemain, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Thomas Grünwald, Vorstand VASOS