Zu alt für die Gesellschaft?
Thema: Generationendialog
Wie Altersdiskriminierung die Schweiz prägt!
Die Bundesverfassung verbietet Altersdiskriminierung – doch im Alltag sieht es oft anders aus.
Jede sechste diskriminierte Person in der Schweiz ist wegen ihres Alters betroffen. Trotzdem bleibt das Thema politisch und medial erstaunlich leise. Senior:innenorganisationen schlagen nun Alarm und fordern konkrete Massnahmen. Denn Altersdiskriminierung betrifft nicht nur Alte – sie geht uns alle an.
Artikel 8 der Bundesverfassung stellt Altersdiskriminierung auf eine Stufe mit Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder Herkunft. Trotzdem erleben viele Menschen in der Schweiz genau das: Benachteiligung wegen ihres Alters. Laut Bundesamt für Statistik geben 15 Prozent der diskriminierten Personen an, aufgrund ihres Alters betroffen zu sein – deutlich mehr als bei sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität. Zwar stehen Nationalität und Sprache weiterhin an der Spitze der Diskriminierungsgründe, doch Altersdiskriminierung ist alles andere als ein Randphänomen.
Die VASOS als nationale Vereinigung der aktiven Seniorinnen- und Senioren-Organisationen der Schweiz will das nicht länger hinnehmen. Mit einer Petition fordert sie einen nationalen Aktionsplan gegen Altersdiskriminierung. Über 18’000 Unterschriften sind bereits beisammen. Für Esther Waeber-Kalbermatten, Co-Präsidentin des Schweizerischen Senior:innenrates, ist das erst der Anfang: Leserbriefe, Lobbyarbeit und öffentliche Aktionen sollen das Thema endlich auf die politische Agenda bringen. Denn in Bern herrscht bisher Zurückhaltung – Altersdiskriminierung gilt nicht als Priorität.
Dabei sind die Folgen konkret: Wer über 55 ist, hat es auf dem Arbeitsmarkt schwer, selbst mit Erfahrung und Qualifikation. Auch bei der Wohnungssuche oder bei Hypotheken werden ältere Menschen oft skeptisch beäugt. Hinzu kommen höhere Krankenkassenprämien und ein gesellschaftliches Klima, das Alter mit Belastung statt mit Kompetenz verbindet. Problematisch ist auch der Blick auf die Statistik: Menschen über 65 werden häufig als homogene Gruppe dargestellt, obwohl ihre Lebensrealitäten stark variieren.
Der Genfer Gerontologe Hans Peter Graf warnt davor, Altersdiskriminierung zu unterschätzen. Sie werde selten offen benannt, auch weil viele Betroffene gesellschaftliche Vorurteile übernehmen oder sich nicht als „alt“ wahrnehmen. Gleichzeitig betont er: Altersbezogene Stereotype treffen auch Junge – etwa beim Berufseinstieg. Altersdiskriminierung ist keine Frage eines Lebensabschnitts, sondern ein strukturelles Problem.
Ein spezifisches Gesetz könnte helfen, Bewusstsein zu schaffen und Veränderungen anzustossen – so wie es bei der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen gelungen ist. Für Waeber-Kalbermatten ist klar: Eine vielfältige Gesellschaft braucht Respekt für alle Altersgruppen. Und die Mehrheit der Bevölkerung wäre bereit, diesen Schritt zu unterstützen.
Quelle : écho Magazine , No 1 – 1er JANVIER 2026, Jérôme Favra
Esther Waeber-Kalbermatten, VASOS, Co-Präsidentin des SSR
Hans Peter Graf, VASOS, Delegierter im SSR